Entrevistas

Interview mit Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts

Juan Carlos Tellechea
martes, 21 de septiembre de 2021
Martin Schläpfer, «Sinfonía nº 15» © 2021 by Ashley Taylor Martin Schläpfer, «Sinfonía nº 15» © 2021 by Ashley Taylor
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Der preisgekrönte Choreograf Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts und der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, wird am 30. September sein neues Ballett Ein Deutsches Requiem mit Musik von Johannes Brahms an der renommierten Wiener Volksoper aufführen.


Martin Schläepfer, «Ein Deutsches Requiem», Francois Eloi Lavignac & Tomoaki Nakanome. © 2020 by Ashley Taylor.Martin Schläepfer, «Ein Deutsches Requiem», Francois Eloi Lavignac & Tomoaki Nakanome. © 2020 by Ashley Taylor.

Nach dem durchschlagenden Erfolg, den er 2020 mit seiner brillanten Choreographie "4" (zu Gustav Mahlers vierter Symphonie) und im vergangenen Juni mit der “Symphonie Nr. 15“ (Dmitri Schostakowitschs letzter), die an diesem Dienstag den 21. September weltweit kostenlos über das Internet ausgestrahlt wird, erzielt hat, bereitet sich Schläpfer auf die Premiere von “Marsch, Walzer, Polka“ vor, ein sehr humorvoller, liebevoller, aber auch distanzierter Blick auf all das man mit dem Wiener Walzer und an der Strauß-Dynastie -Johann Strauß (Sohn), Josef Strauß und Johann Strauß (Vater)- verbindet. 

Die neue Veranstaltung findet am 14. November in der prächtigen Wiener Staatsoper im Rahmen eines Ballettabends mit dem Titel “Im siebten Himmel“ statt, bei dem auch eine Uraufführung von Marco Goecke (mit Musik von Mahler) und George Balanchine (“Symphonie in C“, Georges Bizet) zu sehen sein werden. 

Martin Schläpfer, dessen philosophische Betrachtungen stets in seinen Werken enthalten sind, war so freundlich, vor der Weltpremiere ein Interview mit mundoclasico.com zu führen. 

Wir danken Mag. Anne do Paço, Leiterin der Dramaturgie des Wiener Staatsballetts, für ihre Unterstützung bei der Überarbeitung des Textes. Hier sind seine exklusiven Aussagen:

Juan Carlos Tellechea: Welche Überlegungen wurden durch den pandemiebedingten Stillstand der kulturellen Aktivitäten im Allgemeinen angeregt?

Martin Schläepfer, «4». © 2020 by Ashley Taylor.Martin Schläepfer, «4». © 2020 by Ashley Taylor.

Martin Schläpfer: Als Kulturschaffender war es für mich vor allem wichtig, nach außen nicht larmoyant oder gar anklagend aufzutreten, denn diese Pandemie ging uns alle an. Alle mussten zurückstecken. Um unsere Existenz bangen, wie manch andere, mussten wir beim Wiener Staatsballett nicht. Doch ich möchte auch nichts schön reden. Auch für mich war es eine sehr herausfordernde Zeit – als Ballettdirektor mitten in der Übernahme einer solch riesigen Compagnie und des dahinterstehenden Betriebs und ganz zu schweigen von dem, was mir als Künstler alles wegbrach. Streams, Homeoffice – all das, was aus dieser Zeit heraus einstanden ist, ist für mich persönlich keine Alternative und wird meine Sicht auf die Kunst kaum verändern.

Welche Bilanz (positiv oder negativ) ziehen Sie aus dieser Situation?

Ich ziehe grundsätzlich keine Bilanzen. Da ich von Natur aus aber ein Skeptiker bin, stand ich den Hoffnungen, die Menschheit würde durch diese Krise näher zusammenrücken, sehr misstrauisch gegenüber. Und bereits jetzt sehen wir das Gegenteil: Die Trennungen, die Spaltungen sind noch größer geworden, der Umgang mit dem Planeten ist desolater, als je zuvor. Es war unglaublich interessant, mich selbst und die Menschen um mich herum zu beobachten. Weniger gearbeitet als vor der Pandemie habe ich nicht – im Gegenteil.

Haben Sie schon einmal daran gedacht, diese schmerzhafte menschliche Erfahrung ins Ballett zu übertragen?

Martin Schläepfer, «Sinfonie Nr 15», Roman Lazik & Ketevan Papava. © 2020 by Ashley Taylor.Martin Schläepfer, «Sinfonie Nr 15», Roman Lazik & Ketevan Papava. © 2020 by Ashley Taylor.

Ganz sicher sind solche Erfahrungskomponenten in meiner neuesten Kreation „Sinfonie Nr. 15“ zu Dmitri Schostakowitschs letzter Sinfonie enthalten. Es ist das zweite Mal, dass ich mich mit dem Komponisten Dmitri Schostakowitsch in einer Choreographie auseinandersetze. 2019 habe ich ein Ballett zu seinem zweiten Cellokonzert kreiert, nun habe ich mir für meine zweite Uraufführung mit dem Wiener Staatsballett seine Sinfonie Nr. 15 vorgenommen. Es ist eine Musik, die mich in all ihren Farben ungemein inspiriert, mit dem ganzen Leben, das sie in sich trägt – ein Leben mit all seinem Glück und seiner Trauer, seinen Hoffnungen und Verwerfungen, seiner Leichtigkeit und seinem Ausgesetztsein. Es ist eine Musik, die mir – ohne programmatisch zu sein oder etwas Konkretes zu erzählen – einen ›Text‹ für meinen Tanz schenkt.

Was war Ihr zentrales Gefühl beim „Deutschen Requiem“?

Martin Schläepfer, «Ein Deutsches Requiem». © 2020 by Ashley Taylor.Martin Schläepfer, «Ein Deutsches Requiem». © 2020 by Ashley Taylor.

Es geht um den Mut – auch gegenüber einer sakralen Komposition –, ganz Mensch bleiben zu dürfen, mit allen Fehlern und Widersprüchen, die das Menschsein mit sich bringt. Es geht nicht um das Göttliche, sondern darum, wie wir miteinander leben, um das Reale. Eigenartigerweise ist für mich ein „In-der-Realität-Leben“ transzendenter als die direkte Suche nach dem Göttlichen.

Der Ballettabend “Im siebten Himmel“ scheint von großen Kontrasten geprägt zu sein, was hat Sie dazu inspiriert?

Sie sagen es bereits: die Kontraste. George Balanchines „Symphony in C“ ist ein kristall-kühler Vulkanausbruch – vorausgesetzt sie wird hervorragend getanzt. Marco Goeckes Kunst möchte ich als eine Art Explosion unter der Erde beschreiben, eine, die stark nachbebt. Mein Ballett „Marsch Walzer Polka“ spannt durch die neue Ausstattung von Susanne Bisovsky einen Bogen zu „Symphony in C“, ist aber sinnlicher, farbiger – ein Sprühregen aus flüssiger Lava. Auf Komponisten, die unterschiedlicher nicht sein könnten – die Strauß-Familie, Gustav Mahler und Georges Bizet –, antworten in diesem Programm drei choreographische Sprachen, von denen ich hoffe, dass sie das immense Spektrum und die „Sprachgewalt“ der Ballettkunst aufzeigen werden.

Wenn Sie an den derzeitigen Zustand der Welt denken, mit so vielen Spannungen, Desillusionierungen und politischen Enttäuschungen, fühlen Sie sich in der Lage, dies in den Tanz zu übertragen?

Martin Schläepfer, «4», Yuko Kato Tomoaki Nakanome, Masayu Kimoto & Godwin Merano. © 2020 by Ashley Taylor.Martin Schläepfer, «4», Yuko Kato Tomoaki Nakanome, Masayu Kimoto & Godwin Merano. © 2020 by Ashley Taylor.

Ich glaube nicht, dass ich das wollte. Zustände in mein Werk zu integrieren – dazu sage ich „Ja“. Die Welt ist ja nicht nur die Menschenwelt und das, was uns umtreibt. Die Welt ist unsagbar viel mehr, und auch das muss für mich in einem Ballett enthalten sein, in meinen Stücken mitschwingen. Dass jenseits unseres fatalen Miteinanders Helles existiert, das ist für mich das Element der Hoffnung, der Schönheit, der Poesie, der Utopie.

Was ist für Sie das Wichtigste in Ihren Choreographien, die Figuren, die Formen...?

Keines geht in echter Kunst ohne das andere. Auch dann nicht, wenn man die Form sprengt, wie ein Pollock, der seine Bilder an die Wand „schmeißt“. Auch das muss man beherrschen. Man kann etwas nur verlassen und weitergehen, wenn man dort gewesen ist, dort gewohnt hat. Das ist das Dilemma unserer schnellen Zeit: Kaum ein paar Monate irgendwo übend zieht man schon wieder um und weiter. Für mich bedeutet dies, nur an der Oberfläche zu kratzen – aber ich akzeptiere, dass der Unterschied kaum mehr wahrgenommen wird. Für mich geht es ums Prinzipielle, um das, was die Kunst versuchen müsste, einzulösen: um das Wirkliche, das Tiefe, das Wahre.

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